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NÄCHSTENLIEBE im Jahr 2026 oder >DIE MODERNEN SAMARITER<

Die Personen

Männliche Stimme, Erzähler

Weibliche Stimme, Erzählerin

Diese beiden Stimmen erzählen sämtliche Geschehnisse neben den Dialogen, es sind keine Vorgaben angedacht, wann die WS und wann die MS zu sprechen hat. Günstig wäre es allerdings, die besonders dramatischen Zwischensequenzen von der männlichen Stimme sprechen zu lassen, wogegen im Bereich der Empathie und der vorgeblich mitfühlenden Anteilnahme am besten die weibliche Stimme sprechen sollte.

Arved Zakaria Sartory, Verletzter

Danny Moldenhauer, Unfallfahrer I

Walter Reiffenstecher, Passant

Klaus Grebert, Unfallfahrer Il

2 Rettungssanitäter, sehr jung

Außerdem: Mehrere Stimmen, Rufer, Voyeure, „Volk“ allgemein, Kinder, Hunde, viel Geschrei, Hupen, div. Vogelstimmen, Fahrrad-Klingeln und mitunter auch hohe, spitze Frauenschreie, stets kurz nach den Unfällen, Entsetzen, Tumult, Kreischen, Lachen, Meckern, Labern, Atmo eben, diffuse Hintergrundgeräusche aller Art.

PROLOG

Männlicher Sprecher (sonore, warme, tiefe Stimme. Eindringlich, ähnlich Otto Sander, aber nicht ganz so knautschend)

„Denn gar töricht erscheint doch jener Mensch, der täglich, ja sogar stündlich, über sein nahendes Ende sinnierend, mutig seines Weges dennoch stetig voran schreitend, seinem Exitus so souverän wie nur irgend möglich entgegenzutaumeln sucht, hilflos, verstört, verlegen grinsend, verunsichert und sich angesichts des Todes zu amüsieren wünscht, irgendwie. Ist es Zerstreuung nur, ist es rastloses Erwarten?“

Weibliche Stimme (ein wenig kess, durchaus mit leicht sarkastischem Unterton, Franziska Pigulla ähnlich. Eher tief und höchst einprägsam):

„Wenn mich nun also einer fragte, wie es mir geht und was ich so treibe, lautet meine Standard-Antwort stets: Ich versuche, so gleichmäßig wie nur möglich ein- und auszuatmen! Komplikationen gilt es zu vermeiden. Stress und Hektik dito. Und den Straßenverkehr natürlich. Ganz besonders den Straßenverkehr.

Warum? Das hören wir jetzt gleich. Und es sollte Ihnen allen zu denken geben!“

Sprecherin/Sprecher (ohne jeden Sarkasmus, leicht britisch unterkühlt):

„Es mag 12:12 Uhr sein, an einem beliebigen Samstag im Frühsommer. Eine

Hauptverkehrsader einer recht großen Stadt, vielleicht Köln. Es könnte aber auch jede andere größere/große Stadt sein. Das ist für den Fortgang der Geschichte unerheblich. (Typische Geräusche sind zu hören: Hupen. Stimmen der Passanten,

Kinderlachen, erneutes Hupen, einige Rufe, Hundebellen) [Einige Bremsen kreischen sehr laut auf. es kracht gewaltig] Ein Frührentner mit Namen Arved Zakaria Sartory,

62, fliegt gute 4 m weit (der Aufprall, dumpf, ist klar zu hören), und bleibt neben der Straße, auf dem Trottoir, liegen, schwer verletzt, röchelnd. Sein Einkauf, eine prall gefüllte Mehrwegtasche mit dem Pseudo-Emblem eines bekannten Discounters, darunter steht in großen Lettern „RIEDEL LOHNT NICH´!“ ist etwas aufgeplatzt. Der Inhalt liegt verstreut herum, aber nichts davon direkt auf der Straße. Daher läuft der Verkehr unbeirrt weiter, nur der leicht geschockte Unfallfahrer hatte angehalten, um kurz nachzusehen, was mit diesem Fußgänger denn dort passiert sein mochte, den er soeben angefahren hatte.“

Sartory, röchelnd, doch noch relativ gut zu verstehen, der Atem geht schwer, er hustet ab und an Blut: „Ich schaff´s nicht… Fahren Sie ruhig, junger Mann, gehen

Sie, mir kann jetzt niemand mehr helfen. Das hier überleb ich nicht, röchel, aaah.“

Der jüngere Mann, Anfang 30: „Ich ruf einen Rettungswagen, Sie sind mir direkt reingelaufen (die Stimme wirkt leicht vorwurfsvoll), was ist da nur in Sie gefahren, Mann? Direkt reingelaufen! (Stimme gereizt, nun deutlich vorwurfsvoll) Wie kann man denn nur so gedankenlos eine stark befahrene Hauptstraße überqueren, und das am helllichten Tag? Wie, frag ich Sie, Mann?“

Sartory: „Sie haben ja so recht, Ich hatte überhaupt nicht auf den Verkehr geachtet.

Wollte einfach nur noch rüber… War so in Eile. Geschieht mir ja ganz recht. Lassen Sie mich einfach hier liegen. In Kürze ist es geschafft. Dann endet aller Mühsal Plage, fahren lasse ich sämtliche Hoffnung und auch jeglichen Zukunftsblick. Ich pack’s nicht mehr lange.“ Röchelt, keucht, spuckt in Abständen zwischen den Wörtern Blut, liegt direkt auf dem Gesicht; unbewegt seit dem schweren Aufprall.

Der Unfallfahrer ruft die Rettung, er begutachtet derweil den Schaden an seinem

Gefährt, von allen Seiten: „Ja, Tach auch. Moldenhauer hier, muss da einen Unfall melden, Veckelshorster Ecke Bedenkirchener… Ja, mit Blechschaden, gar nicht mal so unerheblich. (Verärgert) Was? Ja, nein, da liegt einer. Ja, einer liegt da dumm herum. Wie? Ja. Der blutet auch. Was? Stabile Seitenlage? Aha, na ja, hm. So so. Verstehe. Werde sehen, was ich tun kann… Eigentlich hab ich ja überhaupt keine

Zeit für so was. Ja. Dankeschön auch (heftig verärgert). Ja gut, ich warte dann hier.

Wird das lange dauern? Aha aha. Nun ja dann, Wiederhören, einen was noch? Aah, einen angenehmen Tach. Ja, Ihnen auch… Ihnen auch.“ Beendet das Gespräch, sehr ungehalten. Kurzer Blick auf Sartory, dann wendet er sich ab.

Die Verärgerung wächst in zunehmendem Maße. Er sieht wiederholt auf die Uhr, schüttelt unwillig den Kopf! Das passt ihm gar nicht ins Konzept eines noch frühen

Samstags, Moldenhauer geht langsam zu Sartory hinüber. Dabei sieht er auf seinen lädierten Wagen zurück. achtet nicht besonders auf den starken Verkehr, ist ganz offensichtlich sehr verwirrt und durcheinander, Bremsen kreischen laut auf. All die vielen Einstellungen des 1. Unfalls können hier, 1:1, übernommen werden. Danny

Moldenhauer fliegt gute 4 m weit, bleibt nach heftigem Aufprall, deutlich zu hören, halb auf dem Gehweg, halb auf der Straße, liegen. Röchelnd, stark blutend. Entsetzt steigt der Unfallfahrer aus seinem Gefährt, erschüttert, wie erstarrt, völlig entgeistert beglotzt er etliche Sekunden die ganze Szenerie. Er steht mitten auf der Straße, der Verkehr kommt zum Erlahmen, jedenfalls auf einer Fahrspur. Lautes Hupen. Nach dem kurzen Doppel-Statement zweier PKW-Lenker dann ein wahres Hupkonzert, mindestens 12 PKW sind daran beteiligt. Der Unfallfahrer kommt langsam zu sich, geht zu Moldenhauer, stockend, beugt sich zu dem sehr schwer Verletzten hinab, schüttelt ihn dann recht kräftig durch: „Alles in Ordnung mit Ihnen, Meister?“

Moldenhauer, schwach, aber einigermaßen verständlich, leicht verwaschene Stimme: „Nichts Ist in Ordnung. Ich glaube, ich habe mir die Hüfte gebrochen. Und ich spüre meine Beine nicht mehr. Der Kopf dröhnt. Aber der Rettungswagen kommt gleich…“

UnfalIfahrer II: „Aber ich hab doch noch gar keine Ambulanz gerufen!“ Moldenhauer: „Ich aber. Gerade eben erst!“ (röchelt, spuckt Blut)

„Wie jetzt?! Sie wussten, dass Sie angefahren werden würden? Ja, dass mich das Mäuslein beiße! Sind Sie denn ein Medium? Hab so einen noch niemals zuvor kennen gelernt. Kennenlernen dürfen. Das ist ja´n Ding. Wenn ich das zuhause erzähle… Dolle Sache das, und ich mittenmang. Was für ein irrer Glückstag!“

Moldenhauer: „Quatsch mit Soße, so ein Mumpitz, Mann.“ Zeigt unter großen, anscheinend qualvollen Anstrengungen mit dem halb ausgestreckten Arm zum zuckenden, blutenden Sartory hinüber, den der Unfallfahrer Il bislang noch nicht bemerkt hatte. „Wegen dem da hatte ich den Rettungswagen bestellt…“ Jetzt begibt sich der Unfallfahrer Il hinüber zu Sartory. *Guten Tag, Sie hatten wohl einen Unfall, wie ich vermute? Sieht übel aus, Was ist denn überhaupt passiert, guter Mann?“

Sartory: „Der dort (zeigt, auf dem Gesicht liegend, grob, mühsam und nur schwer in

Richtung Danny Moldenhauer) hatte mich angefahren. War aber selbst daran schuld.

Bin völlig gedankenlos über die Straße gehetzt. Schaffs aber nich‘. Gehen Sie ruhig,

Mann. Das Leben zieht gerade vor meinem inneren Auge vorbei, das ist ja wie ein Film, das. Haben Sie es schon mal erlebt? Den eigenen Spielfilm, im Zeitraffer, mit sich selbst in der Hauptrolle? Aber, glauben Sie mir, junger Mann, echt, das hier ist ein ganz miserabler Streifen, der da soeben gezeigt wird. Ich würde ihn nicht noch einmal ansehen, niemals, wenn man mir die Eintrittskarte auch schenkte. Schlechter Hauptdarsteller, ein mieser Plot. Cast und Crew: C-Movie like. Sicher werde ich mir diesen Streifen nicht noch einmal ansehen. Tja, meine Uhr ist jetzt abgelaufen, der

Herr. Also gehen Sie, guter Mann, gehen Sie. Gehen Sie Ihres Weges. Sie haben das hier ja auch nicht zu verantworten. Lassen Sie mich einfach liegen.“ (Blubbert jetzt

Unverständliches)

Unfallfahrer Il: „Wie heißen Sie denn eigentlich?“

Sartory, jetzt schwach und sehr schwer zu verstehen: „Arved Zakaria Sartory…“

Der Mann: „Nicolas Stéphane Sarkozy? Diesen Namen, glaube ich jedenfalls, habe ich aber schon mal gehört. Sind Sie im Show-Geschäft? Oder sind Sie ein berühmter Autor? Ein TV-Koch? Haben Sie ein bekanntes Sterne-Restaurant?

Mir ist so, als hätte ich den Namen Sarkozy erst vor kurzem im Fernsehern oder im Radio gehört, Haben Sie nicht das Schwarzbuch der Steuertricks der deutschen High Society 2025 heraus gegeben? Oder war das Donald Tusk? Nee, eher Donald Trump oder… Warten Sie. Ich verwechsele da, glaube ich, etwas. Ich kann mir die Namen immer so schlecht merken. Und die dazugehörigen Nasen vergesse ich auch gleich wieder: Schrecklich, mein Namensgedächtnis. Mein Gedächtnis überhaupt…. Nee, warten Sie… Nee, dieser Trump ist doch… das ist doch der momentane, in Dings, der jetzige… Meschuggene… Mir liegt es glatt auf der Zunge.“

Sartory, blubbernd: „US Präsident.“

Mann: „Yep! Sie sagen es! Exactemente, Senor! Sakrament, zehn Sack Zement, exzellentes Exkrement! Sie haben’s ja echt drauf, Monsignore. Yeah, you connected that. You pick up the pieces. You´re da shiiiiit…u

Sartory: „Sind Sie Amerikaner? Nein, wohl eher nicht. Brite? Australier? Vielleicht

Neuseeländer? Sind Sie vielleicht aus Panama? Oder aus Puerto Rico?“ Hustet jetzt sehr viel Blut aus. Die Blutlache rings um ihn vergrößert sich zusehends, angestrengt versucht er, weiter zu reden: „Sind Sie aus Kanada, aus Hongkong oder von den

Jungferninseln?“

Unfallfahrer Il: „Nein nein, ich darf mich vorstellen, Signore Sarkozy, mein Name ist Klaus Grebert. Ich wohne hier, gleich die nächste Seitenstraße rein, Holunder Weg

39 a. Wenn Sie mögen, dann Sind Sie ganz herzlich eingeladen. Kommen Sie mich doch bitte einmal besuchen, Herr Sarkozy. Ich würde mich wirklich sehr freuen. Klaus Grebert, Holunder Weg 39 a, es ist die oberste Klingel, orange lackiert. Ich hab da so eine Affinität zu Holland, müssen Sie wissen, daher die orange lackierte Türklingel. Wussten Sie, dass die in den Niederlanden „bellen“ sagen, wenn sie klingeln meinen? Lustig, nicht? Deurbel heißt bei denen Türklingel. Ich könnte mich glatt wegschmeißen über diese Holländer. Köstlich, Ich fahre jedes Jahr dorthin in Urlaub, ans Ijsselmeer. Das Ijsselmeer ist im Niederländischen eine Ligatur, weshalb auch das J als Majuskel geschrieben wird. Das ist der größte See der Niederlande. Im Ernst jetzt, kommen Sie mich besuchen und ich erzähle Ihnen von meinem letzten Urlaub. Ich hab über 60.000 Dias da. Die könnte ich doch in einer Dia-Show zeigen. Dann können wir ein wenig plaudern. Ich bekomme ja leider nie viel Besuch. Man behauptet von mir, ich sei ein wenig schwatzhaft. Aber das ist natürlich blanker Nonsens. Leider hab ich nie wirklich viel Besuch, weiß nicht, woran das liegen könnte. Hab auch einen guten Port da. Na? Da lohnt sich ein Besuch doch immanent, richtig? Einen guten alten Port. Ich kredenze den 2017er Graham´s Vintage Port.

Stimmt’s, da lohnt sich doch ein Besuch? Holunder Weg 39 a, orange Klingel.“

Sartory: „Leider… Wie ich schon bemerkt zu haben glaube… Ich werd’s nicht schaffen, der Herr. Kann Sie daher nicht besuchen. Aber, sagen Sie (plötzlich außergewöhnlich gut zu verstehen, obschon Sartory ja auf dem Gesicht liegt), sind Sie denn nicht der bekannte Ex-TV-Anchorman Claus Kleber? Verheiratet mit Gundula Gause? Aber das sind doch Sie, richtig?“

Klaus Grebert: (hocherfreut) „Nein nein, der bin ich eben nicht. Sie meinen sicherlich den Claus-Detlev Walter Kleber, der am 2. September 1955 in Reutlingen geboren

wurde. Bekannt als Claus Kleber, Journalist und TV-Moderator. Aber nein, ich heiße doch Grebert, Grebert, so hören Sie doch zu, wenn man Ihnen etwas sagt; GREBERT (betont sehr exakt, unhöflich), Klaus mit K, nicht mit C, Klebers Vorname wird doch mit einem C geschrieben, wussten Sie das denn nicht? Es kommt, leider, sehr oft zu einer auch mitunter anstrengenden und peinlichen Verwechslung. Sie glauben ja gar nicht (jetzt wieder mit Oberwasser, fast heiter), Herr Sarkozy, wie oft ich schon mit diesem Herrn Claus Kleber verwechselt worden bin. Im Übrigen (nicht uneitel) auch vom Äußeren her, sehen Sie doch nur!“ (Dreht sich ins Profil, sucht die bestmögliche Position einzunehmen, die seiner Persönlichkeit und dem Fluidum, der Attitüde und dem Wesen, seinem Naturell, die größtmögliche Brillanz zu verschaffen in der Lage ist. Strengt sich dabei nicht unwesentlich an, will unbedingt gefallen. Vor allem aber, Grebert möchte die glasklare Aussage hören: Ja, Sie sehen Claus Kleber sehr ähnlich! Wie aus dem Gesicht gemeißelt! Nahezu!)

Doch Sartory, nach wie vor auf dem stark blutenden Gesicht liegend, Blutbläschen dringen aus der lädierten Nase, zerplatzen in regemäßiger Abfolge, (was auch zu hören sein sollte; hier kann man sehr gut Seifenblasen, kleinere, zerplatzen lassen) zeigt wenig Interesse daran, sich so zu drehen, dass er Greberts Profil längere Zeit zu betrachten in der Lage sein würde, er regt sich überhaupt nicht, nur die stetig zerplatzenden Blutbläschen sind von ihm zu vernehmen, ab und an ein Röcheln.

Grebert zeigt sich stark enttäuscht. Wendet sich abrupt ab von Sartory. Schmollend.

Moldenhauer winselt, etwa 12 m entfernt vom bisherigen Geschehen. Ruft nun sehr angestrengt: „Wann kommt dieser 3 x verschissene Rettungswagen endlich? Sie, ja, Sie dort (sieht Grebert an, der sich ihm langsam zuwendet), könnten Sie nicht bitte noch mal dort anrufen? Ich denke, so lange brauchen die ja in der Regel nicht. Und eigentlich müssten die schon längst hier sen. Rufen Sie noch mal an, ja? Jetzt!“

Klaus Grebert, leicht vorwurfsvoll: „Aber sagten Sie nicht vorhin, dass SIE bereits den Rettungswagen bestellt und herbei beordert haben? Warum soll ich denn noch einen zweiten herbestellen? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn! Wenn nun jeder hier liegende oder auch stehende Mensch einen Wagen bestellt, dann haben wir bald das totale Chaos auf der Straße. Außerdem weiß ich die Nummer ja gar nicht aus dem

Kopf. Nein. ich kenne die Nummer einfach nicht…“

Moldenhauer: „Sie Dödel. Es ist die 1-1-2. Das weiß doch nun wirklich jedes Kind in ganz Deutschland. Rufen Sie an, Sie niedlicher Chaot… Machen Sie mal voran jetzt!“

Grebert: „Das gibt doch nur Kuddelmuddel in der Leitstelle, warum also sollte ich? Ich denke nicht. Nein. Ich werde nicht anrufen. Basta. Und was wollen Sie nun dagegen unternehmen, na? Dort, wo Sie gerade liegen? Nun, was wollen Sie dagegen unternehmen?“ (Streitlustig, hat ja nun schon lange genug Zeit mit all diesen

Kaputten hier zugebracht! Ist extrem genervt)

Moldenhauer: „Ich werde vermutlich kaum etwas unternehmen können. Verdammt, Sie Ignoranten-Hirni, so rufen Sie doch schon an, Sie Grasdackel!“ (sehr verärgert)

Grebert: „Warum in aller Welt sollte ich ein zweites Mal anrufen?“ (Ignoriert all die

Beleidigungen geflissentlich, Moldenhauer erscheint ihm so viel größer, stärker. Auch, wenn der Feind untätig am Boden liegt)

Moldenhauer: „Weil der erste Rettungswagen ja ganz offensichtlich nicht kommt! Deshalb, Sie Kretin!“

Grebert, extrem verstimmt: „Aber deswegen muss man doch nicht gleich so patzig werden. Sie Hutsimpel!“ (Wollte endlich auch mal rigoros dagegen halten!)

Moldenhauer: „Da kann man mal sehen, was Sie für ein Idiot sind. Hab ja gar keinen Hut auf… HA!“ (triumphierend)

Sartory, immer noch auf dem Gesicht liegend: „Aber meine Herren, ich bitte Sie, meine Herren! Ich darf doch wohl sehr bitten, ja? Diese Situation erfordert jetzt strikte Contenance! Und vor allem Überblick, wir sind doch mutmaßlich erwachsene Menschen. Richtig?“

Moldenhauer, offensichtlich unter extremen Schmerzen leidend, stark stöhnend, nicht sonderlich gut zu verstehen, er gibt sich jedoch Mühe beim Sprechen: „Und was bitteschön bedeutet nun wieder dieses Kontenooß? Kontenooß, habe ich noch nie zuvor gehört, Kontenooß.

Grebert: „Im Duden steht „Haltung“. Nicolas Sarkozy hier (zeigt auf den extrem stark verletzten Mann) meinte wohl damit, wir sollten jetzt und gerade hier doch Haltung bewahren. Ich denke, das war´s wohl, was er uns gerade sagen wollte.“

Moldenhauer: „Und warum sagt er uns das dann nicht einfach? Ich meine, auf gut Deutsch, hä? Warum nicht?“

Grebert, sieht jetzt ebenso wie Moldenhauer, letzterer aber nur unter Mühen, mit starkem Vorwurf im Blick auf den agonierenden Sartory hinüber „Ja, das kann man durchaus auch gleich auf Deutsch sagen!“ (Laut, akzentuiert)

Die Menge rings um das Geschehen nimmt zu, die Zuschauer ergreifen nun auch so langsam Partei, einige sind für Moldenhauer, andere für Sartory, Grebert hat keine Lobby. Die Lautstärke nimmt zu. Unmutsäußerungen. Man kommentiert bald auch die Dialoge, wägt ab, buht oder spendet Applaus.

Moldenhauer „Warum macht der Mann das? Aus Daffke? Oder weil er mal so richtig änigmatisch wirken mochte auf uns zwei Trottel? (Direkt zu Grebert gewandt) Denke mal, der will vermutlich nur ein wenig angeben, der kranke Typ da!“

Grebert: „Ja, es gibt solche Menschen (verbrüdert sich offensichtlich mit dem nun früheren Feind gegen Sartory), Fremdwörter benutzen, um die eigene Überlegenheit zu betonen, und dem anderen die Unterlegenheit gravierend deutlich zu machen, das ist ordinär und exorbitant peinlich… “ (Sieht den leicht fragenden Blick des heftig verletzten Moldenhauer nicht oder übersieht ihn dreist)

Sartory (es blubbert aus seiner Nase, der Mann röchelt, stöhnt, hustet Blut, ächzt und fiept bei jedem Atemzug leicht; verstörend heiser): „Tschulltschungk!“

Ein Passant, Walter Reiffenstecher, sticht aus dem schaulustigen Volk heraus, das sich nach und nach hier angesammelt hat. Es Ist wichtig, während des fortlaufenden Geschehens darauf zu achten, dass die Geräuschkulisse „Volk/Passanten/Voyeure“ nach und nach anschwillt; einzelne Rufe oder Satzfetzen dürfen durchaus auch zu verstehen sein. Ein Kind könnte zum Beispiel fragen: „Hat der Opa da Schmerzen,

Mami?“ Oder ein Radfahrer, der einen Fußgänger leicht angestoßen hat, weil er gar zu neugierig vorwärts drängte, noch auf dem Rad sitzend, und der offensichtlich angeschnauzt worden war: „Legen Sie sich doch gleich dazu, Sie Doppel-Hirni!“ Reiffenstecher hatte die Szenerie besonders interessiert verfolgt. Während jetzt

Grebert sein Handy hervor holte und die 112 der Rettung wählte, ging Reiffenstecher zum Unfallopfer Sartory hinüber, fragte, zu ihm hinab gebeugt: „Und was wird jetzt aus Ihrem Einkauf, Sie armer, armer Mensch?“ (Im Hintergrund wird der Ablauf des

Telefonats mit der Rettungsleitstelle zu hören sein, allerdings nicht im Wortlaut, vom

Text her nahezu identisch mit dem ersten Anruf Moldenhauers)

Sartory: „Bei mir gehen gerade die Lichter aus. Ich schaff’s nicht, werter Herr. Da interessiert mich mein Einkauf noch am wenigsten. Echt, der interessiert mich nicht mehr weiter. Sie können gern alles haben. Nehmen Sie nur. Was Ihnen beliebt. Ich kann’s ja eh nicht mehr brauchen, Nehmen Sie, mein Herr, nehmen Sie sich. Alles, was Sie gern haben möchten…“ (blubbert)

Reiffenstecher sammelt akribisch, langsam und sehr bedächtig, die vielen Teile auf dem Trottoir auf und gibt sie in die nahezu intakte, große, stabile Leinentasche, Als er damit fertig Ist, geht er erneut zu Sartory, sagt, tief zu ihm hinunter gebückt: „So, das war’s also nun. Leider sind zwei der 500 g Speisequark-Becher vollständig kaputt gegangen, die hab ich einfach liegen gelassen. Den Dreck mach ich aber nicht weg. Der Beutel Basmati Reis ist an der Seite ein wenig aufgeplatzt. aber ich konnte den

Inhalt einigermaßen sichern. Und der Thunfisch ist eingedrückt, aber wohl inwendig noch so ziemlich in Ordnung. Im Übrigen war da auch noch ihr Portemonnaie… Im Einkaufsbeutel. Bei all den Sachen. Wollen Sie doch sicher zurück haben, oder?“ (Lauernd)

Sartory, blubbernd: „Nee nich´, das brauch ich ja nun nicht mehr. Wozu auch? Im  Jenseits wird zwar auch mit barer Münze beglichen, aber in gänzlich anderer

Währung, mein guter Mann. Mein Portemonnaie brauche ich wirklich nicht mehr.

Nehmen Sie nur, nehmen Sie alles, nehmen Sie und gehen Sie endlich. Mit Gott und all meinen guten Wünschen. Leben Sie wohl.“ (röchelt heftig)

Reiffenstecher: „Was da wohl drin sein mag, ich meine, in der Geldbörse? Ist da eventuell noch Geld drin, Signore Sarkozy?“ (Lauernd)

Sartory, mühsam: „Lass… lass… lassen Sie mich mal überlegen (ächzt). Ich ging mit genau 75 Euro zum Einkaufen, zum Riedel, das war rund um 10 Uhr 30 Minuten, und eingekauft habe ich… für… ähm… aaah, mein Kopf, ich hab solches Schädelweh… Hätte einer eine Scheiß Aspirin für mich?“

Reiffenstecher unterbricht, hastig: „Hier, jetzt habe ich Ihren Kassenbon. Ist ja jetzt

Pflicht, dieser Kassenbon. Und da steht es ja: Sie kauften für 37,49 Euro ein. Dann müssten in der Geldbörse noch… Dann müssten da noch… Nach Adam Riese… Fast, tja, in etwa, beinahe… (sieht Hilfe suchend erst zu Sartory, dann zu Klaus Grebert, schließlich zu Moldenhauer hin). Grebert, der schon immer gut im Kopfrechnen war, stolz: „Dann sind in der Geldbörse noch exakt 37,50 Euro. Ha!“

Er erinnert sich der Aufgabenstellung in der 3. Klasse. Alle Schüler mussten stehen. Der Lehrer gab vor: Zum Beispiel 137 x 118. Wer es als Erster wusste, durfte sich setzen. Grebert war, bis auf 1 einziges Mal, stets der Erste, der sich setzen durfte.

Moldenhauer, triumphierend: „Einundfünfzig!

Grebert: „Wie… wie bitte?“

Moldenhauer: „Es sind noch genau 37,51 Euro in der Scheiß-Geldbörse drin!“

Grebert: „Na ja, der eine Pfennig! Macht den Kohl jetzt auch nicht gerade fett, oder?“

Reiffenstecher: „CENT!“ (fühlt sich arg überlegen)

Moldenhauer: „Was sind Sie denn für’n Korinthenkacker!?“ Reiffenstecher: „Ich darf doch wohl sehr bitten. ja? Das ist ungeheuerlich!“ (extrem beleidigt)

Das Publikum äußerst sich drastisch zu den Geschehnissen. Man ist entweder auf der Seite Danny Moldenhauers, oder nun doch auf der Seite des Klaus Grebert, einige wenige halten es jetzt mit Reiffenstecher. Diese Fans sind jedoch deutlich in der Minderheit, überhaupt wird das Geschehen nicht nur ausführlich von allen Seiten beleuchtet, man diskutiert auch die mangelnde Hilfestellung. Zwei wirklich sehr schwer Verletzte liegen hier auf dem Bürgersteig, einer sogar halb auf der Straße. Keiner hilft, niemand erleichtert ihnen die derzeitige Lage. Das wird von einigen bemängelt, die Mehrheit jedoch äußert sich lediglich zum Geschehen am Rande (geplatzte Speisequark-Becher, der Thunfisch, die Differenz von einem Cent, auch kommt die Frage innerhalb des größer werdenden Publikum-Andrangs auf, wer denn heute bitteschön noch in DM umzurechnen gewillt sei), das irgendwie lustvoll-angewidert-fasziniert-beeindruckt und sehr interessiert beäugt wird.

Grebert, an Reiffenstecher gewandt: „Halten Sie sich doch gefälligst ganz raus, Sie Schlemihl und Schmock! Ist gar nicht an den Unfällen beteiligt und will dennoch dick absahnen. was? Nicht an den Unfällen beteiligt sein und fett abgreifen, hä? Geld UND Lebensmittel, wie?“ (Wirklich sehr streitlustig)

Moldenhauer (verbrüdert sich mit Grebert): „Ganz richtig! Warum kriegt DER denn überhaupt alles ab? Thunfisch UND Kohle?! Das ist ja in höchstem Maße ungerecht.

Wir sollten uns das jetzt unter gar keinen Umständen bieten lassen. Das wird ALLES unter uns Dreien aufgeteilt! Nein, noch besser! Das Geld sollte für Sie und für mich sein, den Einkauf mag meinetwegen der gierige Schmierlappen dort drüben (zeigt mit der Nase zu Walter Reiffenstecher hinüber) an sich nehmen. Von mir aus…“

Publikum hat wieder einen gewaltigen Aufhänger für pro und contra-Reden gefunden. Wilde Diskussion, als permanentes Gemurmel zu hören. ab und an ist auch ein Wörtchen, ein Satzfetzen zu hören: „Unerhört das! Nicht zu fassen! Dreist, wirklich sehr dreist…“ etc.

Grebert: „Nun mal langsam mit den jungen Pferden. Nicht so hastig. Augenblickchen mal…“ Nimmt die große Leinentasche hoch, betrachtet den Inhalt nun sehr genau, indem er umschichtet und wühlt. Dann, nach einigen Minuten, hier ist nur das Publikum zu hören, natürlich zusätzlich zum Stöhnen Moldenhauers und dem Ächzen und Blubbern Sartorys:

„Ich beanspruche die Nackensteaks und die Remoulade für mich, Auch möchte ich, quasi als Ausgleich für die lange Wartezeit hier, denn durch diesen Mist (Zeigt auf die beiden Unfall-Autos, den in einer Blutlache auf dem Gesicht liegenden Sartory und den schwer verletzten Moldenhauer. Alle Anwesenden sind sich des Publikums sehr bewusst – man bringt die großen Gesten, redet auch deutlich lauter, alles für die Galerie), bleibt mir ja keine Zeit mehr zum Einkaufen heute. Bis diese lahmen Polizisten das Unfallgeschehen dann endlich mal aufgenommen und ihre Fotos gemacht haben, und wir alle dann endlich entlassen sind, vergeht so viel Zeit, dass ich nicht mehr meine Einkäufe tätigen kann heute. Ich will die Nackensteaks. Und auch die Scheiß Remoulade, zusätzlich zur Erdnussbutter und dem großen Glas Nudelsoße mit sizilianischen Sardinen! So!“

Das apodiktische > So! < hatte ihm einen großen Schub fürs Selbstwertgefühl gegeben, denn seine starke Rede wurde von erst lahmen, dann immer lauter werdenden Applaus begleitet. Besonders eine ältere, dickliche Frau tat sich hier hervor, die „Bravo“ und, völlig sinnentleert, „Evviva“ rief. Immer wieder. Wohl ein arg großer Fan des Klaus Grebert. Vielleicht verwechselte sie ihn ja mit Claus Kleber. Wer weiß? Man nahm Anteil am Geschehen. Die Traube mochte mittlerweile gut 60 Personen umfassen. Deutlich dabei, Frauen und Männer sind nahezu gleich verteilt.

Reiffenstecher: „Hat denn überhaupt schon wer die Polizei gerufen?“ (Fühlt sich überlegen. Er denkt doch immerhin an wirklich wichtige Dinge, fühlt sich wie einer, der bei den Wartenden an einer Fußgänger-Ampel als Einziger daran denkt, den Knopf zu drücken, damit das grüne Signal endlich kommt.

Grebert und Moldenhauer, unisono; „Sie wollten sich doch da raushalten, dammich eins! Halten Sie doch endlich mal Ihre Klappe, Sie selbstgerechter Volltrottel!“ (Das muss auf den Punkt genau gleichzeitig gebrüllt werden, wobei zwischen dem Wort „eins“ und „Halten“ genau 2 Sekunden Zelt verstreichen soll, abgezählt in typischer Manier; einundzwanzig, zweiundzwanzig. Starke Betonungen sind fett markiert!)

Walter Reiffenstecher, stark verschmollt: „Na, Sie sind ja alle beide wirklich großartige Vertreter unserer ganzen Spezies, oh ja. Die Menschheit kann sich wirklich glücklich schätzen, solch exorbitant großartige Persönlichkeiten hervor gebracht zu haben. Jawoll, glücklich schätzen!“ (ist extrem beleidigt)

Grebert, an Reiffenstecher gewandt: „Ich biete Ihnen hiermit Prügel an! Heftige!“ (Ist dabei, seine Jacke auszuziehen)

Moldenhauer, Schmerz verzerrten Gesichts, aber deutlich zu verstehen: „Und könnte ich es nur, dann hülfe ich Jenem!“

Sartory, undeutlich, aber noch zu verstehen, greift ins Geschehen ein: „Ist denn das grammatikalisch überhaupt korrekt? Dann hülfe ich Jenem?“

Moldenhauer und Grebert, direkt an Sartory gerichtet; „Also, wer kriegt denn nun hier Ihre Nackensteaks, Herr Sarkozy?“ (unisono)

Sartory, wieder blubbernd (den Effekt erzielt man am besten. wenn während der Sprechstimme Sartorys ein anderer Sprecher mit dem Strohhalm leichte Blasen in einem Wasserglas erzeugt, rhythmisch, im Takt zum Gesagten): „So mag sie doch nehmen, wer immer es will. Mich tangiert das alles beim besten Willen nicht mehr.

Ich bin, wie man so schön sagt, am weiteren Geschehen rein gar nicht mehr wirklich interessiert, die Herren. Mit mir ist´s vorbei. Ich schaff’s nicht mehr, Bei mir gehen in wenigen Minuten bereits die Lichter aus. Ich pack´s nicht mehr lange…“

Kommentar im Pulk: „Der Typ sollte sich mal so langsam einen neuen Text einfallen lassen.“ „Das kennen wir doch schon alles!“ „Alter Hut!“ „Mann, wie öde!“ „Der Typ braucht aber fürs Abnibbeln!“ „Was´n Käse!“ „Olle Kamellen!“ „Langweilig!“ „Ist mir öde!“ „Den Film kennen wir doch schon!“ „Leg mal ne  neue Platte auf, Opi!“ Einer brüllte sogar: „Sollte dieser Sarkozy nicht gerade im Knast sitzen?“ Ein anderer: „Oder doch wenigstens eine elektronische Fußfessel tragen?“ Die korpulente Dame: „So ein widerlicher Verbrecher!“ Ein jüngerer Mann sagt: „Zu vollen 5 Jahren Knast ist der Typ verurteilt worden! Und liegt jetzt hier so einfach auf der Straße herum. Ruf mal einer die Bullen!“

Reiffenstecher hatte zwischenzeitlich die Geldbörse Sartorys eingehend untersucht, alle Fächer und sämtliche Inhalte: „Hier sind Ihre Papiere, Herr Sarkozy. Sollte ich Ihnen den Ausweis nicht vielleicht, ich meine zur besseren Identifikation der späteren Leiche, vorne in die Hemdtasche stecken, nein?“

Sartory: „Das scheint mir eine sehr gute Idee zu sein, doch doch…‘ (wundert sich zwar wiederholt über die Anrede Sarkozy, hat aber keine Kraft, darüber noch eine große Rede vorzubringen, also belässt er es letztlich einfach dabei)

Ergo nimmt Walter Reiffenstecher den Personalausweis und den McDonald i s Kaffee-Sammelpass, Krankenkarte, plus einer Monats-Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel, sieht auch noch einen Blutspende-Ausweis – und steckt nun mühevoll alles vorne in Sartorys Hemdtasche, quetscht es regelrecht hinein. Die Hemdtasche ist völlig überladen, platzt an den Nähten bereits leicht auf.

Dabei hatte er jedoch den heftig stöhnenden, sich regelrecht wehrenden Sartory leicht herum gedreht, stützte ihn auf einem Knie ab, was Sartory offensichtlich sehr große Schmerzen bereitete, und lässt ihn nach erledigter Arbeit wieder in die exakt gleiche Stellung fallen, direkt auf das Gesicht, wischt sich die mit Blut besudelten Hände an Sartorys Hemd hinten am Rücken ab, steht auf, fragt ihn nun: „Und? Sind Sie Organspender? Dann könnten wir (zeigt auf die Herren Klaus Grebert und Danny Moldenhauer) den Sanitätern das doch gleich mitteilen. Unsere Meldepflicht. Ist ein Aufwasch, Sarkozy!“

Die Höflichkeitsanrede entfällt. Hier haben wir es ja nur mehr mit einem agonierenden Klumpen Fleisch zu tun, einem heftig blutenden Nackensteak, zudem ist der Kerl auch noch ein rechtsgültig verurteilter Straftäter.

Sartory: (Blubbert Unverständliches) „Braat Rachmaninoff guuut duuuuurch..“

Grebert: „Das versteht ja keiner mehr, was der da brabbelt…“

Moldenhauer, angestrengt. „Der nibbelt wohl gerade ab… Wenn nicht bald dieser Scheiß-Rettungswagen kommt, blüht mir das gleiche Schicksal!“

Reiffenstecher: „Sollten wir nicht… Ich meine… Nun ja, eine Art Gebet oder so was sprechen? Nein?“

Grebert und Moldenhauer, wieder unisono, an Reiffenstecher gewandt; „Sie tumber Vollpfosten! Wollten Sie sich nicht total raushalten? Aus allem? Aus dem kompletten Geschehen? Wollten Sie das nicht?“

Endlich, der Rettungswagen ist aus der Ferne zu hören, er kommt nur mühsam durch, aber die letzten gut 300 Meter hat er freie Fahrt, und erhöht jetzt die Geschwindigkeit rapide, schießt heran, biegt nun mit lauter Sirene, Ohren betäubender Lärm, um die Ecke, rast direkt auf das Geschehen zu. Walter Reiffenstecher wollte gerade die Straße mit dem Einkaufsbeutel Sartorys überqueren, um die Steaks Grebert zu überreichen – da erfasst ihn der RTW Breitseite! Die Sirene erstirbt dramatisch quäkend. Am Ende ist nur noch ein langsam auslaufender Ton zu hören, deprimierend schräg. Mit voller, ungebremster Wucht trifft der schwere Wagen auf Reiffenstecher, der gute 4 m weit fliegt, um dann, mitten auf der Straße, bizarr verkrümmt und heftig blutend, liegen zu bleiben. Der Aufprall ist, wie immer, sehr genau zu vernehmen. Der Mann ist leider sofort tot, Gehirnmasse fließt in nicht unerheblichem Rahmen auf die Straße. Auch der Pulk ist entsetzt. Bis auf Aaah und Oooh kommt eigentlich nichts mehr von den vielköpfigen Zuschauern des Dramas. Ab und an ein „Entsetzlich!“ oder auch ein „Wie schrecklich!“ Sonst aber ist der Pulk angemessen traumatisiert. Den Kindem werden von den anwesenden Müttern oder Vätern die Augen verdeckt- Die Wucht des Aufpralls war gewaltig. Die träge fließende Gehirnmasse entsetzt auch die hier derberen Gemüter vor Ort. Ganz plötzlich wird man sich seiner Sterblichkeit bewusst.

Die beiden blutjungen Sanitäter springen aus dem Einsatzfahrzeug, betrachten die Szenerie in großer Sorge, völlig untätig, in stummem Entsetzen und in teilnahmsloser, absoluter Hilflosigkeit. Grebert schnappt die fast intakte Einkaufstasche des immer noch röchelnden Sartory und spricht den knapp neben ihm stehenden Fahrer des RTW an: „Das hier ist übrigens mein Einkauf! Und der dort drüben (zeigt auf Sartory) heißt Nicolas Sarkozy, es geht ihm gar nicht gut… Schwer zu sagen, bin kein Arzt, aber ich glaube, der schafft’s nicht.“

Moldenhauer, recht deutlich: *Aber das Portemonnaie gehört mir. Mir allein!“

Der Fahrer des Rettungswagens rief die Leitstelle an und forderte Hilfe an.

Sartory, jetzt doch wieder ganz gut zu verstehen, laut, jedoch immer noch auf dem Gesicht liegend: „Ich spende keine Organe! Nich´ mal ´ne Milz! Damit das klar ist! Nich´ mal ´ne Milz, Leute!“

Grebert zu Moldenhauer: „Nicht normal, der Typ. Unfassbar. Anscheinend, ich kann es wirklich kaum begreifen, haben wir es hier mit einer Art von Athanasie zu tun!“

Beide, Sanitäter und Moldenhauer: „Athana… waaas?“

Ende

Epilog

Dieses eben von Ihnen konsumierte Hörstück ist eine Groteske. Ich denke nicht, dass sich so etwas auf deutschen Straßen abspielen könnte. Und wenn doch, dann in sicherlich deutlich abgeschwächter Form.

Für Ihre freundliche Aufmerksamkeit während dieses Programms möchte ich mich ganz besonders herzlich bei Ihnen bedanken. Sollte ich in irgendeiner Form Ihre sicherlich sehr verletzliche Psyche derangiert haben in diesen letzten 30 Minuten, so bitte ich dafür um Entschuldigung!

Auf der Anklagebank saßen heute: Katastrophen-Voyeurismus. Desinteresse, mangelnde Hilfsbereitschaft, Gier, Egoismus und Charakterschwäche allgemein. Ich entlasse Sie aus diesem Programm mit einem beschwingten: Man hört sich! Fröhliche Verwesung!